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Das grüne Dreieck: Die gesundheitlichen Vorteile des einfachen Lebens.

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Ernest Callenbach (1929-2012)

Im Jahr 1975 veröffentlichte der im Jahr 2012 verstorbene Ökopionier und Gesellschaftsutopist Ernest Callenbach seinen Roman „Ecotopia“ (dt. „Ökotopia“) (1), in dem er die Entstehung einer ökologischen und sozialverträglichen Gesellschaft im Westen der USA als utopische Vision schildert. Der Roman hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der grünen Bewegung Ende der 1970er Jahre und beeinflusst die Ökologie bis heute. Von zentraler Bedeutung ist die Reflexion über die eigene Lebensweise und wie diese sich auf Gemeinschaft und Umwelt auswirkt, dabei ist eine Kernforderung, von der „Habens-Kultur“ des Materialismus zu einer „Seins-Kultur“ (des Postmaterialismus) überzugehen.

In dem Roman führt er das Konzept des „Green Triangle“ (dt. „Grünes Dreieck“) ein. Callenbach war aufgefallen, dass es eine enge Beziehung und Abhängigkeit zwischen den Bereichen Gesundheit, Geld und Umwelt gibt. Werden in einem Bereich Änderungen vorgenommen, so wirken sich diese durch Netzwerkbeziehungen direkt oder indirekt auch maßgeblich auf die anderen Bereiche aus. In einem Aufsatz beschreibt er diese Interdependenzen folgendermaßen: „Anytime you do something beneficial for one of them, you will almost inevitably also do something beneficial for the other two – whether you’re hoping to or not“(1). Callenbach weist mit dieser Regel auf die enge Verflochtenheit von Lebensstil mit Gesellschaft und Umwelt hin.

Anhand von einigen Beispielen wird dies rasch einsichtig:

Beispiel 1: Frau B. kauft ein Auto

Frau B. hat nach längerer Berufsausbildung endlich einen gutbezahlten Beruf gefunden und investiert das Gehalt in einen Kleinwagen, um mobiler zu sein. Anstatt zur Arbeit mit dem Fahrrad zu fahren, fährt sie nun mit dem Auto. Direkte Folge: 1/6 ihres Netto-Jahres-Einkommens, 4000 Euro, fließen nun in Auto, Kraftstoff und Mobilität, das entspricht etwa 320 Stunden Arbeit (2 Monate) im Jahr: Von jedem Euro, den sie netto verdient, fließen knapp 17 Cent in ihre Mobilität. Das Auto ermöglicht ihr in Folge den Umzug in einen ruhigen und naturnahen Vorort, die Fahrzeit beträgt allerdings nun je Wegstrecke 45 min, das bedeutet, dass sie weitere 350 Stunden im Jahr in ihrem Auto sitzt. Insgesamt sind dies nun bereits 670 Stunden oder 83 Arbeitstage im Jahr. Der Benzinverbrauch beträgt täglich 7 Liter (=1785 l/Jahr). Wegen der hohen Arbeitsbelastung mit voller Stelle und Überstunden sowie  dem langen Fahrtweg schafft sie nur noch selten Sport, das Fitness-Studio-Abonnement nutzt sie leider nur selten (Kosten: 600 Euro/Jahr). 5 Jahre später hat sie 10 kg Gewicht zugelegt, ist übergewichtig, häufig müde und hat einen grenzwertig erhöhten Blutdruck entwickelt. Der Hausarzt rät ihr zu Diät und Sport und verschreibt ein innovatives Blutdruck-Medikament (400 Euro/Jahr, sie ist privat versichert). Sie möchte nun wieder regelmäßig ins Fitness-Studio und schreibt sich auch für ein Diätprogramm ein (600 Euro). Leider gibt das Bankkonto wegen eines geplanten Malediven-Luxusurlaubs die Kosten für das Diätprogramm nicht mehr her.

Beispiel 2: Frau B wird Yogalehrerin

Frau B möchte ihr neues Einkommen in die Professionalisierung ihres Hobby investieren und schreibt sich für eine mehrwöchige Yogalehrerin-Ausbidlung ein (Kosten 3000 Euro). Aus Kostengründen verzichtet sie auf ein Auto und nutzt weiterhin ihr Fahrrad und den Nahverkehr. Sie wohnt nah an ihrer Arbeitsstätte und bewältigt den Weg jeden Tag in 30 min. mit dem Fahrrad. Die Yoga-Ausbildung macht ihr große Freude und sie fühlt sich topfit. Jeden Tag übt sie 30 min Yoga, so dass sie täglich mit Fahrrad und Gehen auf 60-90 min Bewegung kommt. Sie interessiert sich durch den Yogakurs für ayurvedische Ernährung und beginnt, vegetarisch zu kochen. Im Anschluss an ihre Ausbildung bekommt sie das Angebot, 2 x wöchentlich abends 90 min Yoga in einem Fitness-Studio zu unterrichten (Zusatzeinkommen 400 Euro/Monat). Das macht ihr soviel Freude, dass sie ihre Arbeitsstelle auf eine 4-Tage-Woche reduziert und sich noch mehr dem Yoga widmen kann. Die vegetarische Ernährung ist viel günstiger und setzt wesentlich weniger CO2 frei, als Mischkost mit Fleisch. Umziehen ist unpraktisch, da sie sonst zu weit weg von ihren Arbeitsstellen wohnt. Nach 10 Jahren hat sie ein sattes Plus auf ihrem Bank-Konto, ist gesundheitlich topfit und überlegt, sich mit Yoga selbstständig zu machen.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie zunächst einfach erscheinenden einfachen Lebensentscheidungen (Autokauf versus Yogalehrer-Ausbildung) komplexe Änderungen unseres Lebensstils nach sich ziehen.

Callenbach betont, dass günstige Veränderung an wenigen Schlüsselstellen im Grünen Dreieck tiefgreifende positive gesundheitliche und ökologische Änderungen bewirken können.

Diese sind z.B.:

  • Reduktion technischer Hilfsmittel (z.B. Autos, Flugzeuge, TV, Unterhaltungsmedien)
  • Gehen, Radfahren oder andere muskelbetriebene Fortbewegungsmaßnahmen und Sport
  • Vereinfachung von Lebensverhältnissen (kleinere Wohnung, weniger Möbel und Geräte, arbeitsnahe Lage)
  • Vegetarische Ernährung
  • Kauf von Produkten aus der Umgebung
  • Selbermachen (Kompetenz, Bildung) statt Kaufen
  • Anlage eines Gartens, z.B. mit Anbau eigenen Gemüses
  • Pflege von Freundschaften und gemeinschaftlichen Aktivitäten statt elektronischer Konsum
  • Reduktion von Fernreisen

Unsere Konsum-Kultur bietet uns massenweise elektronische Hilfsmittel für die Alltagsbewältigung an. Sie können natürlich sehr nützlich sein, aber in sehr vielen Fällen führen sie auch dazu, dass wir Kenntnisse und Fähigkeiten verlieren, uns weniger körperlich bewegen und wichtige Ressourcen (z.B. Öl, Metalle, Wasser, seltene Erden) aufbrauchen. Außerdem kosten Finanzierung, Lagerung und Betreuung technischer Hilfsmittel (meist unbemerkt) wertvolle Zeit.

In Bezug auf die Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten denken wir häufig nicht langfristig und nachhaltig genug. Viele Menschen bevorzugen im Krankheitsfall eine schnelle Lösung, z.B. durch Schmerzmittel, Kortison, Operationen und andere Therapien. Diese helfen häufig auch rasch und gut. Der Gesundheitszustand eines Gesunden oder Kranken nach 10, 20 oder noch mehr Jahren ist aber viel mehr abhängig vom dauerhaften Lebensstil. Am deutlichsten wird dies bei der Frage der Gesundheit im Alter: Hier zahlt sich der gesunde Lebensstil (z.B. Alltagsbewegung, Ernährung, Stress, Freundschaften) über mehrere Jahrzehnte aus. Bei vielen Entscheidungen im Leben lohnt es sich also, genau über die Konsequenzen im grünen Dreieck „Gesundheit – Umwelt – Kosten“ nachzudenken und eine langfristige Strategie statt schnellen Entscheidungen anzustreben. Dabei ist die beste Lösung häufig die einfache, die sich innerhalb der Alltagsroutine täglich umsetzen lässt, weniger gut sind grundsätzlich Maßnahmen, die zusätzlich durchgeführt werden.

Referenzen:

(1) http://ernestcallenbach.com/