Archiv der Kategorie: Prävention

Vegane Ernährung als Medizin

Michael Teut

Eine zunehmende Anzahl an Studien zeigt die präventiven und therapeutischen Vorteile einer veganen fettarmen Ernährung, die auf pflanzlicher Kost basiert und frei von Fleisch, Milch und Eiern ist. Vegane Ernährung wurde bis vor einigen Jahren von den meisten Ärzten noch als Außenseiter-Ernährung belächelt, seit jedoch das öffentliche Interesse an veganer und vegetarischer Ernährung steigt, werden auch mehr Studien durchgeführt, die den gesundheitlichen Nutzen untersuchen. Dabei haben bisherige klinische Studien beachtenswerte Ergebnisse gezeigt: Mit einer konsequenten fettarmen veganen Ernährung lassen sich Erkrankungen, die zum metabolischen Syndrom gehören, klinisch deutlich verbessern, in einer Vielzahl von Fällen sogar zurückbilden. Bislang durchgeführte Studien zeigen klinisch relevante Ergebnisse für Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Typ 2-Diabetes und koronare Herzkrankheit. Zudem erscheint der gesundheitliche Nutzen auch für andere chronische Erkrankungen plausibel. Im Folgenden fasse ich einige der allerwichtigsten Studienergebnisse zusammen:

Vegane Ernährung im Betrieb

In einer aktuelle Studie (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3701293/) mit 291 Teilnehmern, die zum US-Unternehmen GEICO gehörten und an Übergewicht und Diabetes litten, wurden mehrere Betriebs-Standorte zufällig einer fettarmen vegetarischen Ernährungsschulung oder einer Kontrollgruppe ohne zusätzliche Ernährungsschulung zugeordnet (Cluster-Randomisation). An den Betriebsstandorten, die der veganen Ernährung zugeordent wurden, wurden in den Kantinen optional vegane Mahlzeiten angeboten. Außerdem erhileten die Teilnehmer Vitamin B12 Supplemente. Teilnehmer, die die Schulung zur veganen Ernährungsumstellung erhielten, hatten nach 18 Wochen 2,9 kg abgenommen (Kontrollgruppe 0,06 kg), hatten ihren Gesamt-Cholesterinwert um 8,0 mg/dl gesenkt (Kontrollgruppe 0,01) und ihren HBA1C-Wert (Blutzucker) um Prozentpunkte gesenkt (Kontrollgruppe 0,08). Viel interessanter ist, dass diejenigen Patienten, die sich bis zum Ende der Studie vegan ernährten, einen viel höheren Benefit hatten: Sie verminderten ihr Körpergewicht um -4,3 kg, ihr Cholesterin um 13,7 mg/dl und ihren HBA1C-Wert um 0,7 Prozentpunkte. Daraus kann geschlossen werden, dass eine vegane Ernährungsschulung + Angebot im Betrieb den gesundheiltlichen Zustand der Arbeitnehmer klar verbessert.

Vegane Ernährung besser als Leitlinien-Ernährung bei Diabetes

In einer weiteren Studie von 2009 (http://ajcn.nutrition.org/content/89/5/1588S.long) wurde untersucht, ob fettarme vegane Ernährung in der Therapie von Menschen mit Diabetes Typ 2 der damals gültigen Ernährungsempfehlung (USA 2003) überlegen ist. 99 Patienten wurden per Zufall einer Schulung in veganer Ernährung oder der konventionellen Diabetes-Leitlinien-Diät-Empfehlung zugeordnet, es wurden je Gruppe 22 wöchentliche 1-stündige Ernährungsschulungen durchgeführt. In beiden Gruppen wurde nach 74 Wochen eine deutliche Gewichtsreduktion (vegan: -4,4 kg versus konventionell: 3,0 kg) sowie eine klare HBA1C-Verminderung (vegan: – 0,34 Prozentpunkte versus konventionell: 0,14). Das Gesamtcholesterin sank ebenfalls stärker in der veganen Gruppe. Diese Studie führte dazu, dass die US-amerikanischen Ernährungsempfehlungen für Diabetiker mittlerweile vegane Kost empfehlen.

Koronare Herzkrankheit

Dean Ornish zeigte in den 1990er Jahren mit seinem Lifestyle-Heart-Trial (http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=188274) , dass sich koronare Herzkrankheit durch fettarme vegetarische Ernährung, Ausdauersport, Stressreduktion, Rauchentwöhnung und psychosozialer Unterstützung stoppen oder sogar zurückbilden lässt. In einer weniger bekannten prospektiven Beobachtungsstudie von 1995 (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7500065 ) wurden 22 Patienten mit schwerer koronarer Herzkrankheit eingeschlossen, die sich strikt fettarm vegan ernährten. Bei den 11 Patienten, die das Programm bis zu Ende durchführten und deren Daten erhoben werden konnten, zeigte sich eine sehr deutliche Verminderung der Cholesterinwerte und ein deutlicher Rückgang der koronaren Verengungen. Leider wurde dieser vielversprechende Ansatz bislang nicht in großen randomisierten Studien überprüft.

Weitere gesundheitliche Vorteile

In den großen Adventisten-Kohortenstudien in Amerika (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4073139/ ) zeigte sich, dass Menschen, die sich vegan ernähren gegenüber Menschen, die einer vegetarischen Ernährung folgen, noch einmal deutlich weniger häufig an Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und kardiovakulären Erkrankungen leiden. Allerdings kann aus Kohortenstudien keine Kausalität abgeleitet werden.

Vegetarische Diäten sind außerdem in der Lage, Bluthochdruck zu senken, allerdings ist hier noch unklar, ob vegane Ernährung zusätzliche Vorteile gegenüber vegetarischer Kost bringt (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24566947).

Die Risiken veganer Ernährung

Bei ausgewogener veganer Ernährung besteht das größte Risiko in einem Vitamin-B12-Mangel. Daher sollten Menschen, die sich langfristig vegan ernähren, eine Vitamin-B12-Präparat einnehmen. Die Versorgung mit Vitamin B12 und Eisen sollte von Zeit zu Zeit (z.B. einmal jährlich) durch eine Blutuntersuchung überprüft werden. Alle anderen Nährstoffe (z.B. Vitamin D, Calcium, Jod) lassen sich in aller Regel durch ausgewogene Ernährung abdecken.

Praktische Literaturtipps

Neal D. Barnard: The Get Healthy, Go Vegan Cookbook: 125 Easy and Delicious Recipes to Jump-Start Weight Loss and Help You Feel Great, 2010: Da Capo LifelongBooks

Neal D. Barnard: Dr. Neal Barnard’s Program for Reversing Diabetes , 2007: Rodale

Neal D. Barnard: 21-Day Weight Loss Kickstart: Boost Metabolism, Lower Cholesterol, and Dramatically Improve Your Health, 2011: Hachette Book Group

Caldwell Esselstyn: Prevent and Reverse Heart Disease. 2007: Avery


Das Rauchen hinter sich lassen – aber wie?

Dr. med. Michael Teut

Aktuell: Interview zur Rauchentwöhnung

Fit und Gesund – Deutsche Welle

Rauchen

Rauchen hat zweifellos angenehme Eigenschaften: Es ist für viele Menschen ein starkes Genusserlebnis, führt zu Entspannung, steigert die Geselligkeit und hilft, Konzentration und Leistungsfähigkeit zu steigern.  Vermittelt werden diese Effekte einerseits durch die biologische Wirkungen von Nikotin im Organismus, verstärkt werden die Effekte aber auch durch konditionierte Rituale wie z.B. die Kaffeepausen, das gesellige Rauchertreffen und andere.

Eigentlich klingt das sogar ganz attraktiv – wären da nicht die negativen Seiten: Jedes Jahr sterben in Deutschland 110.000 – 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens, insbesondere durch Herz-Kreislauf-, Lungen- und Krebserkrankungen. Weltweit sind es 10 %  Rauchtote, das soll einer Situation entsprechen, in der jede Stunde ein Jumbo-Jet abstürzen würde!

Rauchentwöhnung

Für diejenigen, die ernsthaft aufhören möchten, gibt es heute einen ganzen Werkzeugkoffer voller Hilfsmittel, um erfolgreich das Rauchen hinter sich lassen und sich anderen Zielen im Leben zuzuwenden.

Welche Hilfsmittel können Sie zur Entwöhnung für sich nutzen?

Wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zeigen heute, dass eine Kombination aus Verhaltenstherapie und medikamentöser Unterstützung die besten Ergebnisse bringt. Dabei kann die 1-Jahres-Erfolgsquote auf über 30 % gesteigert werden, ohne die Nutzung diese Hilfsmittel liegt die Erfolgsquoten deutlich niedriger.

Verhaltenstherapie und Hypnose

Ein Verhaltenstherapeut bereitet mit Ihnen die Entwöhnung vor, indem Sie für sich eine starke Entschlossenheit zum Aufhören entwickeln (Motivation), trainiert mit Ihnen Entspannungstechniken um Entzugssymptome zu lindern und unterstützt Sie darin, wirkungsvolle Strategien zu entwickeln, wie Sie langfristig Nichtraucher bleiben und mit schwierigen Situationen umgehen können. Bei Rückfällen hilft er beim erneuten Start. Die Entwöhnungsbehandlung durch Hypnose/Hypnotherapie kann als eine Spezialform der Verhaltenstherapie verstanden werden, in der Sie Verhaltensänderungen im Bewusstseinszustand der Trance einüben und verankern. Die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie ist wissenschaftlich belegt, zur Wirksamkeit der Hypnose liegen neuerdings ebenfalls positive Studien vor.

Medikamente

Unterstützende Medikamente können die Entwöhnungsphase mit Entzugssymptomen lindern und das Verlangen nach Zigaretten mildern. Ideal wirken Medikamente in Kombination mit der Verhaltenstherapie. Am häufigsten werden Nikotinpflaster (langfristige Anhebung des Nikotinspiegels) und Nikotinkaugummis (kurzfristige Anhebung des Nikotinspiegels) angewendet, alternativ auch Tabletten oder Sprays). Die Therapie wird über 2-3 Monate begleitend durchgeführt. Mehr als hundert Studien belegen eine Verbesserung der Erfolgsquote durch Nikotinersatztherapie. Allerdings können Magenbeschwerden als Nebenwirkung auftreten. Neuere Medikamente, die unterstützend angewendet werden, sind Vareniclin, ein Medikament, das ebenfalls Nikotinrezeptoren stimuliert (Therapie über 11 Wochen) oder das atypische Antidepressivum Bupropion (Therapie über 8 Wochen). Die Wirksamkeit bzw. die Risiken von E-Zigaretten sind bislang nicht zureichend untersucht, um Empfehlungen oder Warnungen auszusprechen.

Naturheilkunde

Von allen naturheilkundlichen Maßnahmen liegen positive Ergebnisse aus 6 randomisierten Studien (823 Patienten) für begleitende Akupunktur vor, die Entzugssymptome lindern und die Erfolgsquote erhöhen kann.

 Was tun?

Am besten ist es, an einem Programm zur Rauchentwöhnung teilzunehmen, das psychologische Therapie und medikamentöse Hilfen kombiniert. Dies kann in einer Einzeltherapie oder in einer Gruppentherapie erfolgen. Die gesetzlichen Krankenversicherungen bezuschussen Gruppentherapie-Programme zur Rauchentwöhnung.

Links

In unserer Ambulanz bieten wir Gruppentherapien (Bezuschussung durch Krankenkassen) und Einzeltherapien (Privatleistung) zur Rauchentwöhnung an.

http://www.hochschulambulanz-naturheilkunde.de/

Informationen zu Rauchentwöhnungskursen erhalten Sie auch z.B. über Ihre Krankenkasse.

Ausgewählte Literatur

Bölcskei PL, Davis-Wagner P, Grundnig J, Pommer P. [Current approaches to smoking cessation]. Dtsch Med Wochenschr. 2013 Apr;138(17):902-7. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23592348?report=docsum&format=text

Stead LF, Lancaster T. Combined pharmacotherapy and behavioural interventions  for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev. 2012 Oct 17;10:CD008286. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23076944

Tahiri M, Mottillo S, Joseph L, Pilote L, Eisenberg MJ. Alternative smoking cessation aids: a meta-analysis of randomized controlled trials. Am J Med. 2012 Jun;125(6):576-84. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22502956

Hasan FM, Zagarins SE, Pischke KM, Saiyed S, Bettencourt AM, Beal L, Macys D, Aurora S, McCleary N. Hypnotherapy is more effective than nicotine replacement therapy for smoking cessation. Results of a randomized controlled. Complement Ther Med 2014; Epub ahead of print http://www.complementarytherapiesinmedicine.com/article/S0965-2299%2813%2900210-0/abstract

Barfußlaufen – Besser für die Gelenke?

von Michael Teut

Es gibt im Laufsport einen neuen Trend: Weg von Hightech-Sportschuhen für viel Geld hin zu Barfußlaufen oder der Nutzung sehr einfacher Schuhe mit harter Sohle.

Hintergrund ist die Hypothese, dass durch die modernen Schuhe mit stoß-dämpfenden Sohlen Läufer sich eine ungünstige Lauftechnik aneignen, mit der Knie- und Hüftgelenke besonders belastet werden.

Mein persönlicher Praxistest des Barfußlaufens begann vor 2 Jahren, als ich durch  Joggen eine Patellarsehnenreizung am Kniegelenk entwickelte. Bei der Recherche nach vernünftigen Behandlungsmöglichkeiten stieß ich auf das Barfußlaufen und vertiefte mich in die Literatur hierzu. Der Praxistest folgte und ich joggte tatsächlich eine ganze Saison (von Mai bis Ende September) zunächst ohne Schuhe auf der Laufbahn eines Sportplatzes, dann ab Oktober mit sehr einfachen Sportschuhen mit sehr dünner Sohle weiter im freien Gelände.

Was habe ich dabei erlebt?

  1. Sobald man ohne Schuhe läuft, kann man nicht mehr mit der Ferse als erstes aufkommen, sondern man muss mit dem Vorfuß (Fußballen) zuerst auf dem Boden aufkommen, um die Erschütterungen aufzufangen: Ballengang statt Fersengang. Dadurch gewöhnt man sich einen leicht tänzelnden und angenehmen Laufstil an.
  2. Das Umlernen des Joggens geht mit einer Umstrukturierung der Fuß-, Bein und Rückenmuskulatur einher. Zunächst konnte ich nur  ca. 2-3 km überhaupt barfuß laufen und hatte danach jeweils einige Tage spürbaren Muskelkater, insbesonder in Waden und Gesäß. Nach etwa 2 Monaten hatte sich die Muskulatur an den neuen Laufstil gewöhnt und das Laufen wurde sehr viel einfacher.
  3. Die Fußsohlen haben sich nach einigen Wochen an die Belastungen gewöhnt und wurden abgehärtet. Sofern aber beim Laufen eine Verletzungsgefahr der Füße besteht sollte (Scherben, Dornen etc…) besser Schuhe mit flacher und harter Sohle tragen, auch Sandalen sind denkbar!
  4. Die Patellarsehnenreizung und andere Überlastungserscheinungen der Gelenke und Sehnen sind innerhalb weniger Wochen komplett verschwunden. Bei mir sind auch keine neuen Beschwerden (außer Muskelkater) aufgetreten.

Mittlerweile habe ich das Barfußlaufen immer wieder auch anderen Läufern mit Kniegelenkschmerzen empfohlen (Sehnenreizungen, Meniskusschäden). In den meisten Fällen habe ich positives Feedback erhalten. Ein Freund läuft wieder Halb-Marathon, wegen Meniskusschäden musste er zuvor sein Training über Monate unterbrechen.

Was ist das Fazit aus diesem Experiment? Barfußlaufen führt zu einem Umlernprozess, es wird ein komplett anderer Laufstil erlernt, der möglicherweise gesünder für den Bewegungsapparat ist.

Auch evolutionär wäre diese Hypothese theoretisch plausibel, da sich unser Bewegungspparat in der menschlichen Entwicklungsgeschichte beim Barfußlaufen (und nicht mit Hightech-Laufschuhen) ausgebildet hat und Laufen-/Rennen eine wichtige Bewegungsform für die Jagd war.

Diese Erfahrung wird mittlerweile auch durch Forschungsliteratur gestützt: In einer aktuellen Übersichts-Studie  berichten die Forscher Altman und Davis von der University of Delaware und Harvard Medical School, dass unter Läufern, die mit dem Vorfuß auftreten, im Vergleich zu Fersenläufern Verletzungen um den Faktor 2.5 weniger häufig vorkommen. Auch im mechanischen Modell ergibt das Barfußlaufen ein günstigeres Belastungsprofil der Gelenke. Allerdings belastet Barfußlaufen dafür mehr die Fußsohlen, die Achillesfersen und die Wadenmuskulatur. Es ist wissenschaftlich noch unklar, inwieweit dies auch mit Verletzungsrisiken einhergehen kann. Daher ist essentiell wichtig, das Barfußlaufen ganz langsam anzugehen und über Monate die Muskulatur neu zu trainieren. Insgesamt mangelt es aber bislang noch an großen und aussagefähigen klinischen Studien, die den Nutzen des Barfußlaufens in der Prävention und Therapie von Läufer-Krankheiten belegen oder widerlegen könnten

Mittlerweile hat auch die Sportschuh-industrie reagiert und bietet zunehmend „Barfußschuhe“ an. Dabei ist aus meinsr Sicht zu beachten, dass nicht die Schuhe den Effekt ausmachen, sondern der Laufstil. Barfußlaufen eignet sich vor allem zum Umlernen vom Fersenschritt zum Vorfußschritt. Den kann man natürlich dann auch mit jedem Sportschuh ausüben. Es ist noch nicht geklärt, ob die Barfußschuhe einen gesundheitlichen Nutzen über das Umlernen der Gehtechnik hinaus aufweisen.

Ich nutze mittlerweile ganz leichte Turnschuhe mit flacher, beweglicher und ungedämpfter Sohle, die eigentlich für den Kampfsport entwickelt wurden und mich im Ausverkauf nur 45 Euro gekostet haben. Damit laufe ich besser und zufriedener als je zuvor!

Literaturtipp:

Christopher McDougall: Born to Run: Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt.

 Dies ist ein sehr inspirierendes Buch über die Entdeckung des Barfußlaufens bei den Tarahumara in Mexiko durch einen Läufer und Journalisten. Mit viel Hintergrundwissen und sehr spannend geschrieben.

Das grüne Dreieck: Die gesundheitlichen Vorteile des einfachen Lebens.

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Ernest Callenbach (1929-2012)

Im Jahr 1975 veröffentlichte der im Jahr 2012 verstorbene Ökopionier und Gesellschaftsutopist Ernest Callenbach seinen Roman „Ecotopia“ (dt. „Ökotopia“) (1), in dem er die Entstehung einer ökologischen und sozialverträglichen Gesellschaft im Westen der USA als utopische Vision schildert. Der Roman hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der grünen Bewegung Ende der 1970er Jahre und beeinflusst die Ökologie bis heute. Von zentraler Bedeutung ist die Reflexion über die eigene Lebensweise und wie diese sich auf Gemeinschaft und Umwelt auswirkt, dabei ist eine Kernforderung, von der „Habens-Kultur“ des Materialismus zu einer „Seins-Kultur“ (des Postmaterialismus) überzugehen.

In dem Roman führt er das Konzept des „Green Triangle“ (dt. „Grünes Dreieck“) ein. Callenbach war aufgefallen, dass es eine enge Beziehung und Abhängigkeit zwischen den Bereichen Gesundheit, Geld und Umwelt gibt. Werden in einem Bereich Änderungen vorgenommen, so wirken sich diese durch Netzwerkbeziehungen direkt oder indirekt auch maßgeblich auf die anderen Bereiche aus. In einem Aufsatz beschreibt er diese Interdependenzen folgendermaßen: „Anytime you do something beneficial for one of them, you will almost inevitably also do something beneficial for the other two – whether you’re hoping to or not“(1). Callenbach weist mit dieser Regel auf die enge Verflochtenheit von Lebensstil mit Gesellschaft und Umwelt hin.

Anhand von einigen Beispielen wird dies rasch einsichtig:

Beispiel 1: Frau B. kauft ein Auto

Frau B. hat nach längerer Berufsausbildung endlich einen gutbezahlten Beruf gefunden und investiert das Gehalt in einen Kleinwagen, um mobiler zu sein. Anstatt zur Arbeit mit dem Fahrrad zu fahren, fährt sie nun mit dem Auto. Direkte Folge: 1/6 ihres Netto-Jahres-Einkommens, 4000 Euro, fließen nun in Auto, Kraftstoff und Mobilität, das entspricht etwa 320 Stunden Arbeit (2 Monate) im Jahr: Von jedem Euro, den sie netto verdient, fließen knapp 17 Cent in ihre Mobilität. Das Auto ermöglicht ihr in Folge den Umzug in einen ruhigen und naturnahen Vorort, die Fahrzeit beträgt allerdings nun je Wegstrecke 45 min, das bedeutet, dass sie weitere 350 Stunden im Jahr in ihrem Auto sitzt. Insgesamt sind dies nun bereits 670 Stunden oder 83 Arbeitstage im Jahr. Der Benzinverbrauch beträgt täglich 7 Liter (=1785 l/Jahr). Wegen der hohen Arbeitsbelastung mit voller Stelle und Überstunden sowie  dem langen Fahrtweg schafft sie nur noch selten Sport, das Fitness-Studio-Abonnement nutzt sie leider nur selten (Kosten: 600 Euro/Jahr). 5 Jahre später hat sie 10 kg Gewicht zugelegt, ist übergewichtig, häufig müde und hat einen grenzwertig erhöhten Blutdruck entwickelt. Der Hausarzt rät ihr zu Diät und Sport und verschreibt ein innovatives Blutdruck-Medikament (400 Euro/Jahr, sie ist privat versichert). Sie möchte nun wieder regelmäßig ins Fitness-Studio und schreibt sich auch für ein Diätprogramm ein (600 Euro). Leider gibt das Bankkonto wegen eines geplanten Malediven-Luxusurlaubs die Kosten für das Diätprogramm nicht mehr her.

Beispiel 2: Frau B wird Yogalehrerin

Frau B möchte ihr neues Einkommen in die Professionalisierung ihres Hobby investieren und schreibt sich für eine mehrwöchige Yogalehrerin-Ausbidlung ein (Kosten 3000 Euro). Aus Kostengründen verzichtet sie auf ein Auto und nutzt weiterhin ihr Fahrrad und den Nahverkehr. Sie wohnt nah an ihrer Arbeitsstätte und bewältigt den Weg jeden Tag in 30 min. mit dem Fahrrad. Die Yoga-Ausbildung macht ihr große Freude und sie fühlt sich topfit. Jeden Tag übt sie 30 min Yoga, so dass sie täglich mit Fahrrad und Gehen auf 60-90 min Bewegung kommt. Sie interessiert sich durch den Yogakurs für ayurvedische Ernährung und beginnt, vegetarisch zu kochen. Im Anschluss an ihre Ausbildung bekommt sie das Angebot, 2 x wöchentlich abends 90 min Yoga in einem Fitness-Studio zu unterrichten (Zusatzeinkommen 400 Euro/Monat). Das macht ihr soviel Freude, dass sie ihre Arbeitsstelle auf eine 4-Tage-Woche reduziert und sich noch mehr dem Yoga widmen kann. Die vegetarische Ernährung ist viel günstiger und setzt wesentlich weniger CO2 frei, als Mischkost mit Fleisch. Umziehen ist unpraktisch, da sie sonst zu weit weg von ihren Arbeitsstellen wohnt. Nach 10 Jahren hat sie ein sattes Plus auf ihrem Bank-Konto, ist gesundheitlich topfit und überlegt, sich mit Yoga selbstständig zu machen.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie zunächst einfach erscheinenden einfachen Lebensentscheidungen (Autokauf versus Yogalehrer-Ausbildung) komplexe Änderungen unseres Lebensstils nach sich ziehen.

Callenbach betont, dass günstige Veränderung an wenigen Schlüsselstellen im Grünen Dreieck tiefgreifende positive gesundheitliche und ökologische Änderungen bewirken können.

Diese sind z.B.:

  • Reduktion technischer Hilfsmittel (z.B. Autos, Flugzeuge, TV, Unterhaltungsmedien)
  • Gehen, Radfahren oder andere muskelbetriebene Fortbewegungsmaßnahmen und Sport
  • Vereinfachung von Lebensverhältnissen (kleinere Wohnung, weniger Möbel und Geräte, arbeitsnahe Lage)
  • Vegetarische Ernährung
  • Kauf von Produkten aus der Umgebung
  • Selbermachen (Kompetenz, Bildung) statt Kaufen
  • Anlage eines Gartens, z.B. mit Anbau eigenen Gemüses
  • Pflege von Freundschaften und gemeinschaftlichen Aktivitäten statt elektronischer Konsum
  • Reduktion von Fernreisen

Unsere Konsum-Kultur bietet uns massenweise elektronische Hilfsmittel für die Alltagsbewältigung an. Sie können natürlich sehr nützlich sein, aber in sehr vielen Fällen führen sie auch dazu, dass wir Kenntnisse und Fähigkeiten verlieren, uns weniger körperlich bewegen und wichtige Ressourcen (z.B. Öl, Metalle, Wasser, seltene Erden) aufbrauchen. Außerdem kosten Finanzierung, Lagerung und Betreuung technischer Hilfsmittel (meist unbemerkt) wertvolle Zeit.

In Bezug auf die Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten denken wir häufig nicht langfristig und nachhaltig genug. Viele Menschen bevorzugen im Krankheitsfall eine schnelle Lösung, z.B. durch Schmerzmittel, Kortison, Operationen und andere Therapien. Diese helfen häufig auch rasch und gut. Der Gesundheitszustand eines Gesunden oder Kranken nach 10, 20 oder noch mehr Jahren ist aber viel mehr abhängig vom dauerhaften Lebensstil. Am deutlichsten wird dies bei der Frage der Gesundheit im Alter: Hier zahlt sich der gesunde Lebensstil (z.B. Alltagsbewegung, Ernährung, Stress, Freundschaften) über mehrere Jahrzehnte aus. Bei vielen Entscheidungen im Leben lohnt es sich also, genau über die Konsequenzen im grünen Dreieck „Gesundheit – Umwelt – Kosten“ nachzudenken und eine langfristige Strategie statt schnellen Entscheidungen anzustreben. Dabei ist die beste Lösung häufig die einfache, die sich innerhalb der Alltagsroutine täglich umsetzen lässt, weniger gut sind grundsätzlich Maßnahmen, die zusätzlich durchgeführt werden.

Referenzen:

(1) http://ernestcallenbach.com/